Ist der Nackengriff bei Hunden artgerecht oder gefährlich?

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Mit der Nase in die Pipipfütze drücken, hilft beim Stubenrein werden. Und wenn dein Vierbeiner etwas Verbotenes tut, greifst du ihn im Nacken und zeigst ihm, wer der Chef ist.

So sah bis vor wenigen Jahren noch die ganz normale Hundeerziehung aus. Bis heute behaupten manche Hundetrainer, man könne mit einem „richtigen“ Nackengriff nichts kaputt machen. Er unterstütze sogar die Erziehung.

Meiner Meinung nach lautet die richtige Anwendung des Nackengriffs: lass es sein!
Warum er deine Hundeerziehung gar nicht unterstützt, sondern deinem Hund nicht nur körperlich, sondern auch psychisch schadet, erfährst du hier.

Ist der Nackengriff artgerecht? Auf den Punkt gebracht

Beim Nackengriff hält die Hundemutter ihren übermütigen Welpen im Nacken fest, bis dieser sich beruhigt. Menschen machten daraus eine Züchtigungsmethode, die darauf abzielt, dem Hund Angst zu machen, und ihn verletzen kann.

Artgerecht sind körperliche Strafen nie. Positive Bestärkung und Alternativen, um natürliches Verhalten zuzulassen, bringen dich besser ans Ziel.

Was ist der Nackengriff?

Zwischen Hunden bezeichnet der Nackengriff eine erzieherische Maßnahme, zu der die Mutter bei ihren Welpen greift. Dafür hält die Mutter den Welpen mit ihren Zähnen am Nacken fest.

Häufig begleitet sie die Maßnahme mit einem Knurren. Sie lässt den Welpen erst los, wenn er sich beruhigt hat. Wichtig ist: der Welpe wird nicht verletzt. Die Mutter fügt ihm nicht einmal Schmerzen zu.

Der Nackengriff dient nämlich dafür, dem Welpen zu zeigen, wo er hingehört. Deswegen greift die Mutter nur dazu, wenn ein Jungtier einen ausgewachsenen Hund provoziert und seine Signale ignoriert.

Er ist quasi die letzte Warnung, dass der Knirps sich endlich zu benehmen hat. Zwischen Mensch und Hund gibt es ebenfalls einen Nackengriff, der den Hund erziehen soll. Dabei wird der Hund häufig vom Boden hochgehoben oder sogar geschüttelt.

Warum das absolut inakzeptabel ist, erkläre ich dir.

Wie lange trägt die Hundemutter ihren Nachwuchs am Genick?

Die Dauer dieses Verhaltens ist sehr kurz. Nur die ersten paar Lebenswochen greift die Hundemutter ihre Welpen im Nacken, um sie herumzutragen. Das ist aus mehreren Gründen sinnvoll.

Die Welpen sind bereits nach wenigen Wochen so gut zu Fuß, dass das Tragen einfach nicht mehr nötig ist. Die Mutter kann es sich sparen, denn die Welpen kommen ohnehin zu ihr gelaufen, sobald sie das Feld betritt.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Gewicht der Welpen. Der Nackengriff ist für die Welpen nur sicher, solange sie leicht genug sind. Je schwerer sie werden, desto stärker steigt das Risiko für Verletzungen.

Wenn ein Welpe bei seinem Menschen einzieht, ist er idealerweise über zwölf Wochen alt. In diesem Alter würde keine Hundemutter auf die Idee kommen, ihren Nachwuchs noch am Nacken hochzuheben.

Was bedeutet der Nackengriff für den Hund?

Manche, zum Glück veraltete Bücher zur Hundeerziehung haben da eine ganz gruselige Meinung. Sie sprechen davon, der Hund wisse in diesem Moment, dass sein Leben in der Hand seines Besitzers liegt.



Das stimmt aber nicht. Woher soll der Hund das wissen? Kaum ein Hund in menschlicher Obhut wird das Totschütteln selbst so oft anwenden, dass er einen Zusammenhang erkennt. Das bedeutet aber auf keinen Fall, dass du den Nackengriff deswegen bei deinem Vierbeiner anwenden kannst.

Viel eher ist es ein Hinweis darauf, dass wir den Sinn des Nackengriffs bei Hunden überhaupt nicht verstanden haben.

Ist der Nackengriff eine artgerechte Erziehungsmaßnahme?

Zwischen Hunden, ja. Der Mensch sollte niemals zu solchen Methoden greifen.
Der Hauptgrund hierfür ist, dass wir auf Signale unserer Hunde nicht so reagieren können, wie Artgenossen.

Wir verstehen zwar viel, aber eben nicht alles. Zusätzlich haben wir nicht gelernt, wie man einen Welpen im Nacken hochheben kann. Der Nackengriff ist für deinen Hund also potenziell gefährlich.

Im schlimmsten Fall könntest du deinem Hund dabei das Genick brechen. Auch psychisch hinterlässt der Nackengriff seine Spuren. Er wird euer Verhältnis nachhaltig schädigen.

Wie die Hundemutter ihre Welpen maßregelt und was der Mensch daraus gemacht hat

Nackengriff und Totschütteln sind zwei völlig verschiedene Sachen. Ein Hund greift einen Artgenossen nicht im Nacken und schüttelt ihn, um ihn zu maßregeln.

In diesem Video siehst du eine Hundemutter, die ihre Welpen erzieht. Sie bellt, fletscht die Zähne, knurrt und man bekommt das Bedürfnis, die armen Kleinen, vor ihr zu beschützen.

How an experienced dog mother teaches her 8 weeks old puppies to be calm. www.sentfromheaven.at

Das wäre aber der völlig falsche Weg. Die Mutter maßregelt gerade ihre Welpen. Sie lernen, dass sie erst, wenn sie sich beruhigen, bekommen, was sie wollen.

Ja, es kann passieren, dass eine Hundemutter ihren Nachwuchs im Nacken greift und festhält. Sie beißt dabei aber nicht zu und schüttelt auch nicht. Das Verhalten dient dem Beruhigen und Unterordnen des Welpen.

Erst, wenn er das gewünschte Verhalten zeigt, lässt sie los.

Der Mensch machte aus dieser vergleichsweise sanften Züchtigungsmethode eine fahrlässige Maßregelung, die ein hohes Risiko für Verletzungen birgt.

Der Hund wird mit dem Ziel, ihm Schmerzen zu bereiten und Angst zuzufügen, gegriffen. Das Schütteln wird als zusätzliche Machtdemonstration genutzt.

Ist der Schnauzengriff eine bessere Alternative?

Nein, denn auch den hat der Mensch nicht richtig verstanden. Beim Schnauzengriff geht es genauso nicht darum, dem Hund Schmerzen zuzufügen.

Beobachtest du das Verhalten beispielsweise bei einer Hündin, die damit ihre Welpen bestraft, fiepen diese natürlich. Aber nicht vor Schmerz.

Als ich für diesen Artikel recherchiert habe, stieß ich auf eine Anleitung für den Schnauzengriff (Quelle). Dabei hieß es, man solle mit den Fingern die Lefzen zwischen die Zähne des Hundes drücken. Klingt das für dich nach natürlichem Hundeverhalten?

Maßregelung ist nie das Ziel

Vor einigen Jahren war man noch überzeugt davon, dass ein Hund sich dem Menschen zu unterwerfen hat. Man strebte in der Erziehung keine Beziehung zu seinem Haustier an, sondern Gehorsam.

Musste man dafür den Willen des Tieres brechen, war das eben so. Der Hund soll sich unterordnen und dem Wunsch seines Meisters fügen. Körperliche Züchtigung, zu der auch der Nackengriff gehört, war Alltag für einen Hund.

Du bist nicht der „Leader of the pack“

Ebenso nahm man lange an, dass Hunde in ihrem Besitzer den Rudelführer sehen. Damit es nicht zu einer Meuterei kommt, muss dieser seine Stärke regelmäßig demonstrieren. So glaubte man zumindest.

Mittlerweile sind sich die meisten Forscher einig: So ist es nicht wie Hundetrainerin Victoria Stilwell berichtet. Hunde können zwischen Artgenossen und Menschen problemlos unterscheiden. Sie verhalten sich entsprechend gegenüber anderen Hunden auch völlig anders.

Das bedeutet nicht, dass du keine enge, innige Beziehung mit deinem Hund haben kannst. Sie ersetzt aber niemals Interaktion mit Artgenossen.

Zusätzlich unterscheiden sich Wölfe und Hunde ebenfalls in vielen Bereichen. Wir können nicht davon ausgehen, dass Hunde in exakt denselben hierarchischen Strukturen wie Wölfe leben. Übrigens wenden Wölfe den Nackengriff bei ihren Welpen auch gar nicht an.

Die Alternativen zum Nackengriff

Körperliche Züchtigung, die deinen Hund zur Unterwerfung zwingen soll, kann nicht das Ziel deiner Erziehung sein. Auf diese Weise schaffst du es nicht, dass dein Hund dich respektiert und liebt. Viel mehr wird er dich fürchten.

Befolge einfach die folgenden zwei Tipps, um eure Beziehung, ganz ohne Nackengriff und andere körperliche Maßnahmen, zu verbessern.

Tipp #1: Positive Verstärkung

Hunde wollen uns gefallen, das stimmt. Aber nicht um jeden Preis. Zudem sind die Dinge, die wir von ihnen tagtäglich verlangen, keine natürlichen Verhaltensweisen des Hundes.

Nehmen wir das Beispiel Jagen. Deinem Hund liegt es im Blut, dem Hasen auf dem Feld hinterherrennen zu wollen. Du möchtest das auf keinen Fall. Das reicht deinem Hund in diesem Fall nicht.

Sorge also dafür, dass sein Gehorsam sich für ihn lohnt. Arbeite mit Futter, Lob und Spiel als Belohnung. Dein Hund darf während einer Trainingsphase ruhig sein gesamtes Futter für den Tag aus deiner Hand erhalten.

Tut er, was du möchtest, freust du dich übertrieben, gibst ihm Leckerlis und spielst mit ihm.
Dein Hund verknüpft diese positiven Ereignisse mit seinem Verhalten. Er lernt, dass es sich für ihn lohnt, wenn du glücklich bist.

Das gibt ihm einen Anreiz, dich in Zukunft häufiger glücklich zu machen.

Tipp #2: Alternativen bieten

Wir Menschen leben schon so lange mit Hunden zusammen, dass wir eine Co-Evolution durchgemacht haben.

Das bedeutet, dass unser Zusammenleben unsere Entwicklung beeinflusst hat (Wolfgang Schleidt, Ethologie Forscher, Quelle). Aus dem Hund ist dadurch aber noch lange kein Mensch geworden.

Dein Hund hat also weiterhin hündische Bedürfnisse. Er möchte jagen, suchen, kauen und spielen. Willst du etwas davon unterbinden, funktioniert das viel besser, wenn du deinem Hund eine Alternative bietest.

Kaut dein Hund beispielsweise Schuhe oder Möbel an, braucht er Beschäftigung. Eine Strafe wird sein Bedürfnis nicht stillen.

Nasen- und Kopfarbeit bietet sich auch an, wenn dein Hund körperlich aktiver sein möchte. Speziell Nasenarbeit ist auch körperlich anstrengend. Dein Hund verbraucht dabei viel Energie.

Der Nackengriff beim Hund: Das Fazit

Zum Glück gibt es immer wieder neue Erkenntnisse, die auch die Hundeerziehung verändern. Damit meine ich nicht, dass alles, was man vor 20 Jahren empfohlen hat, automatisch schlecht ist.

Aber körperliche Züchtigung, zu der der Nackengriff nun mal gehört, sollte heute niemand mehr bei seinem Vierbeiner anwenden. Das Gefahrenpotenzial ist viel zu hoch. Es nutzt auch nichts. Dein Hund wird dich nur fürchten, nicht respektieren.

Schon gar nicht erreichst du damit eine liebevolle Beziehung zu deinem Hund. Wir setzen heute viel mehr auf gemeinsame Arbeit und positive Reize. Du und dein Hund, ihr sollt ein Team werden.

Häufig gestellte Fragen

Wie erkennt man, dass der Hund respektlos ist?

Eindeutig respektloses Verhalten ist ein starkes Anrempeln, Wegdrücken oder aus dem Weg Schieben. Der Hund möchte sich damit seinen Weg auf deine Kosten bahnen.

Sollte man einen Hund auf den Boden drücken?

Idealerweise kommt eine Hundeerziehung ohne körperliche Züchtigungen aus. Auch wenn du deinem Hund beim auf den Boden Drücken keine Schmerzen zufügst, solltest du darauf verzichten.

Wie zeigt man einem Hund, wer der Chef ist?

Chef sein bedeutet, Sicherheit zu geben und geduldig zu sein, nicht, den Hund zu unterwerfen. Achte darauf, dich um die Bedürfnisse deines Hundes zu kümmern, dann wird er dich nicht nur respektieren, sondern lieben.

Wie schimpft man mit einem Hund?

Statt zu schreien, solltest du deinen Hund mit fester Stimme ansprechen und Abbruchsignale verwenden, die er kennt (Nein, Aus, etc.). Gib deinem Hund am besten schnell danach eine Alternative zu dem, was er unterlassen soll.

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